Grundlagen der Gestalttherapie
Die Prinzipien eines lebendigen psychotherapeutischen Ansatzes
Hier kannst du dein Verständnis über die Gestalttherapie vertiefen.
Erfahre mehr über Hier und Jetzt, schöpferische Anpassung, Kontakt-unterbrechungen, Feldtheorie, organismische Selbstregulation und den Dialog.
Unser Körper
... ist zutiefst mit unserem psychischen Erleben verbunden.
Sicherlich hast du schon mal die Erfahrung gemacht, wie sehr deine Gefühle den Körper beleben, wenn du z.B. Schmetterlinge im Bauch hast oder, wie deine Gefühle lähmen können, wenn dir z.B. die Angst im Nacken sitzt.
Was, wenn die Schmetterlinge im Bauch von der Wut im Bauch abgelöst werden. Darf sie dann rauskommen? Oder hast du ständig einen Kloß im Hals?
Wie stehst du im Leben? Kannst du dich gut vertreten? Was stehst du alles durch? Trägst du eine Last auf den Schultern? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen? All diese Bilder machen anschaulich, wie sehr Gefühle, psychische Konflikte und Stress mit dem Körper zusammenhängen.
Dein Körper drückt über verschiedenste Symptome dein emotionales Befinden aus.
Das Hier und Jetzt
Die Gestalttherapie wird häufig als Therapie des Hier und Jetzt bezeichnet. Das führt manchmal zu dem Missverständnis, sie interessiere sich nicht für die Vergangenheit. Das Gegenteil ist der Fall. Vergangene Erfahrungen prägen unser Leben tief. Sie beeinflussen unsere Beziehungen, unsere Gefühle, unser Selbstbild und die Art, wie wir auf Herausforderungen reagieren.
Die Gestalttherapie betrachtet Vergangenheit jedoch nicht nur als Erinnerung, sondern als etwas, das sich im gegenwärtigen Erleben fortsetzt. Eine frühe Erfahrung von Zurückweisung zeigt sich vielleicht heute darin, dass jemand Schwierigkeiten hat, Vertrauen zu entwickeln. Alte Verletzungen können in aktuellen Beziehungen wieder lebendig werden. Der Körper erinnert sich häufig lange bevor wir einen Zusammenhang bewusst verstehen.
Deshalb richtet sich die Aufmerksamkeit der Gestalttherapie auf die Frage: Wie zeigt sich deine Vergangenheit heute? Nicht die Vergangenheit selbst lässt sich verändern. Wohl aber die Art, wie sie heute erlebt wird. Indem vergangene Erfahrungen im gegenwärtigen Kontakt bewusst werden, können sie neu erfahren und Schritt für Schritt integriert werden. Aus diesem Grund verbindet die Gestalttherapie die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte immer mit dem unmittelbaren Erleben im Hier und Jetzt.
Unser Geist
Unser Geist kann so vieles sein. Er kann sprühen vor Inspiration, kann sich erheben und zu fernen Horizonten schweifen, er kann uns erkennen lassen.
Doch unser Geist kann auch ermattet sein. Gedanken können sich im Kreise drehen oder wie dicke, graue Wolken unser Wesen überschatten.
Manchmal fehlen kreative Ideen, oder Sorgen werden überdimensional groß und wirken wie ein Berg, der nicht zu bewältigen ist, über den man nicht mehr hinwegfliegen kann.
Unser eigentlich wunderbarer Geist kann sich gegen uns wenden, zum Kritiker werden, der uns abwertet oder der gefangen ist in ständiger Beschwerde über uns selbst oder über andere. Nicht selten lässt er uns glauben, dass sich in unserem Leben nichts ändern wird. Als hätten wir es nicht verdient.
Werde eine selbstbestimmte Gestalterin in deinem Leben.
Die Gestalttherapie geht davon aus, dass der Mensch mit seinem komplexen Körper, seinen individuellen Gefühlen und seinem eigenen Geist eine ganzheitliche "Gestalt" bildet, die ihn als Mensch so einzigartig macht. In der Gestalttherapie geht es weniger darum, über psychische Themen nur zu sprechen, um diese zu interpretieren oder zu analysieren. Viel mehr basiert diese Form der Therapie auf dem unmittelbaren Erleben von Körper, Gefühl und Gedanken im Hier und Jetzt. Der Zugriff auf persönliche Themen geht dadurch viel tiefer, da nicht nur auf der rein kognitiven Ebene gearbeitet wird. So können echte positive Veränderungen im Leben möglich werden.
Ich arbeite erfahrungsorientiert, kreativ, körper- und gefühlsbezogen. Unter anderem mit aktivierenden und achtsamen Körperübungen, Ausdruck, Atemübungen, Haltungsintegration, Rollenspiel, therapeutischer Massage zur Regulation und mit tiefer Faszienarbeit, um muskuläre Spannungen in Verbindung mit den psychisch Themen so gut wie möglich zu lösen. Ich sehe meine Aufgabe als Therapeutin darin, einen geschützten Raum zur Verfügung zu stellen, in dem ich offen, achtsam, bezogen und präsent als authentisches Gegenüber meine Klientinnen darin unterstütze, einen besseren Kontakt zu sich selbst zu entwickeln. Je mehr du deine eigene Meisterin im Haus deiner Körper-, Gefühls- und Gedankenwelt wirst, desto mehr kannst du das Leben leben, dass du dir wünscht.
Schöpferische Anpassung
Ein besonders menschliches und zugleich tiefes Konzept der Gestalttherapie ist die schöpferische Anpassung. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Möglichkeiten, mit schwierigen Situationen umzugehen.
Diese Anpassungen entstehen nicht zufällig. Sie sind oft kreative Lösungen auf Bedingungen, die damals nicht verändert werden konnten. Ein Kind, das erlebt, dass seine Wut abgelehnt wird, lernt vielleicht, besonders angepasst zu sein. Ein anderer Mensch entwickelt die Fähigkeit, ständig stark zu wirken, weil Schwäche keinen sicheren Platz hatte. Wieder andere übernehmen früh Verantwortung für andere Menschen oder ziehen sich lieber zurück, um Konflikte zu vermeiden.
Aus heutiger Sicht mögen diese Verhaltensweisen einschränkend erscheinen. Gleichzeitig waren sie ursprünglich oft die bestmögliche Antwort auf die damalige Lebenssituation.
Die Gestalttherapie betrachtet solche Strategien deshalb nicht als Fehler oder Defizite. Sie würdigt zunächst ihre ursprüngliche Funktion. Erst wenn wir verstehen, wofür eine bestimmte Anpassung einmal notwendig war, können wir prüfen, ob sie heute noch hilfreich ist. Dadurch entsteht Raum für neue Möglichkeiten. Menschen müssen ihre bisherigen Strategien nicht bekämpfen. Vielmehr können sie Schritt für Schritt entdecken, welche Formen des Kontakts ihrem heutigen Leben besser entsprechen.
Kontakt-unterbrechungen
Wenn Kontakt das Herz der Gestalttherapie ist, stellt sich die Frage, wodurch dieser Kontakt eigentlich verloren gehen kann. Die Gestalttherapie beschreibt verschiedene Formen der Kontaktunterbrechung.
Gemeint sind gewohnte Arten, den Kontakt mit sich selbst oder mit anderen einzuschränken. Diese Mechanismen entstehen meist unbewusst und dienten ursprünglich dem Schutz des Menschen.
Ein Beispiel ist die Introjektion. Dabei übernehmen wir Vorstellungen, Regeln oder Werte von anderen Menschen, ohne sie wirklich zu prüfen. "Ich muss immer stark sein." "Ich darf keine Schwäche zeigen." "Ich muss es allen recht machen." Solche inneren Überzeugungen begleiten viele Menschen über Jahre, obwohl sie längst nicht mehr zu ihrem eigenen Leben passen.
Eine weitere Form ist die Projektion. Dabei schreiben wir anderen Menschen Gefühle oder Absichten zu, die wir selbst nur schwer wahrnehmen können. "Die anderen lehnen mich bestimmt ab." "Sie ist bestimmt wütend auf mich." Häufig sagt eine Projektion ebenso viel über unsere eigene innere Welt aus wie über den anderen Menschen.
Bei der Retroflektion richtet sich eine ursprünglich nach außen gerichtete Energie gegen die eigene Person. Statt Ärger auszudrücken, halten wir ihn zurück. Statt Grenzen zu setzen, kritisieren wir uns selbst. Die Energie bleibt bestehen, wendet sich jedoch nach innen.
Eine weitere Kontaktunterbrechung ist die Konfluenz, das Verschwimmen von Grenzen. Menschen verlieren dabei leicht den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen und orientieren sich vor allem daran, was andere erwarten oder wünschen.
Auch Deflektion gehört zu den typischen Kontaktunterbrechungen. Dabei wird unmittelbarer Kontakt vermieden – etwa durch Humor, Ablenkung, häufige Themenwechsel oder ein Ausweichen vor schwierigen Gefühlen.
Diese Formen der Kontaktunterbrechung sind keine Diagnosen und auch keine Fehler. Sie beschreiben vielmehr Wege, auf denen Menschen gelernt haben, sich vor Schmerz, Ablehnung oder Überforderung zu schützen. In der Gestalttherapie geht es deshalb nicht darum, solche Mechanismen möglichst schnell zu beseitigen.
Zunächst werden sie bewusst wahrgenommen und verstanden. Denn jede Kontaktunterbrechung erzählt etwas über die Lebensgeschichte eines Menschen und über das, was einmal notwendig war. Je bewusster diese Prozesse werden, desto mehr Freiheit entsteht, neue Formen des Kontakts zu entwickeln – mit sich selbst und mit anderen.
Feldtheorie - die Umwelt in der Gestalttherapie
Die Gestalttherapie betrachtet den Menschen niemals losgelöst von seiner Umwelt. Jeder Mensch lebt in einem Beziehungsgefüge, das ihn prägt und von ihm zugleich mitgestaltet wird. Dieses Verständnis wird in der Gestalttherapie als Feldtheorie bezeichnet. Ein Feld umfasst alles, was auf einen Menschen einwirkt: Familie, Partnerschaft, Freundschaften, Beruf, gesellschaftliche Bedingungen, Kultur und den jeweiligen Lebensabschnitt. Auch die aktuelle Situation, in der sich ein Mensch befindet, gehört zu diesem Feld.
Aus dieser Perspektive entstehen Gefühle, Gedanken und Verhalten niemals ausschließlich „in einem Menschen“. Sie entwickeln sich immer im Zusammenspiel zwischen Mensch und Umwelt. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht diesen Gedanken: Ein Mensch kann in einer Beziehung sehr zurückhaltend sein und sich in einer anderen Beziehung offen und lebendig erleben. Die Persönlichkeit hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich das Feld, in dem Kontakt stattfindet.
Die Feldtheorie lädt deshalb dazu ein, menschliches Verhalten nicht vorschnell zu bewerten. Statt zu fragen: "Warum bist du so?" stellt sie eher die Frage: "Was geschieht zwischen dir und deiner Umwelt?" Dadurch entsteht ein umfassenderes Verständnis für menschliches Erleben. Probleme werden nicht ausschließlich als Eigenschaften einer Person betrachtet, sondern als Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse.
Organismische Selbstregulation
Ein weiteres Grundprinzip der Gestalttherapie ist die organismische Selbstregulation. Sie beschreibt die natürliche Fähigkeit des Menschen, immer wieder nach einem stimmigen inneren Gleichgewicht zu streben. Unser Organismus verfügt über eine erstaunliche Weisheit. Wenn wir Hunger haben, entsteht das Bedürfnis zu essen. Wenn wir müde sind, entsteht der Wunsch zu schlafen. Wenn wir traurig sind, kann das Bedürfnis nach Rückzug oder Trost entstehen. Wenn wir Freude empfinden, möchten wir sie häufig mit anderen teilen.
Unsere Gefühle, Körperempfindungen und Bedürfnisse sind dabei keine zufälligen Begleiterscheinungen. Sie dienen als Orientierungshilfen, die uns helfen, unser Leben an die jeweilige Situation anzupassen. Schwierigkeiten entstehen häufig dann, wenn wir den Kontakt zu diesen inneren Signalen verlieren. Manche Menschen spüren ihre Bedürfnisse kaum noch. Andere nehmen ihren Körper nur wahr, wenn er schmerzt. Wieder andere haben gelernt, Gefühle grundsätzlich zu unterdrücken oder ihnen nicht zu vertrauen.
Gestalttherapie geht davon aus, dass diese Fähigkeit zur Selbstregulation grundsätzlich erhalten bleibt. Sie kann durch belastende Erfahrungen überlagert werden, geht jedoch nicht verloren. Therapie bedeutet aus dieser Sicht deshalb nicht, Menschen Lösungen von außen zu geben. Vielmehr unterstützt sie sie dabei, wieder Zugang zu ihrer eigenen inneren Orientierung zu finden.
Der Dialog
Die Gestalttherapie versteht Therapie nicht als einseitige Behandlung, sondern als Dialog. Der Therapeut ist dabei nicht der Experte, der den Menschen analysiert oder ihm erklärt, wie er leben sollte. Ebenso wenig bleibt der Klient passiver Empfänger therapeutischer Techniken. Beide begegnen sich als Menschen.
Diese dialogische Haltung wurde unter anderem durch den Philosophen Martin Buber geprägt. Sein Gedanke: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ beschreibt einen wichtigen Kern der Gestalttherapie. Veränderung entsteht nicht allein durch Methoden oder Techniken. Sie entsteht vor allem dort, wo Menschen sich ehrlich begegnen können. Im therapeutischen Dialog wird deshalb nicht nur über Beziehungen gesprochen – Beziehung wird unmittelbar erfahrbar.
Der Kontakt zwischen Therapeut und Klient wird selbst zu einem wichtigen Teil des therapeutischen Prozesses. Dabei geht es nicht um Perfektion oder darum, stets die richtigen Worte zu finden. Entscheidend ist vielmehr eine Haltung von Offenheit, Echtheit und gegenseitigem Respekt. Aus dieser Form der Begegnung können neue Erfahrungen entstehen, die weit über das reine Verstehen hinausgehen.
